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Quereinsteiger

Interview mit Christian Kuhle - Quereinsteiger in den Beruf des Erziehers

"Als die ersten Soldaten in Afghanistan verunglückten, ließ ich mich nach Berlin versetzen und wollte mich dort beruflich umorientieren." In einem schriftlich geführten Interview haben wir Christian Kuhle zu seinen Erfahrungen, als Quereinsteiger in den Beruf des Erziehers, befragt.

Christian Kuhe. Foto und Copyright: Sibyllebaier.de

Koordinationsstelle "Männer in Kitas": Du hast dich nach 8 Jahren Dienst bei der Bundeswehr für eine Ausbildung zum Erzieher an der Bundeswehrfachschule für Sozialpädagogik entschieden. Das ist kein gewöhnlicher beruflicher Werdegang für einen Erzieher. Uns interessiert, wie aus einem Soldat ein Erzieher geworden ist? Wir haben uns das gefragt, weil Soldaten ein völlig anderes Männlichkeitsbild transportieren als Erzieher. Welche persönlichen und beruflichen Erfahrungen, und welche Personen aus dem persönlichen und beruflichen Umfeld waren ausschlaggebend für die berufliche Neu- bzw. Umorientierung?

Auf den ersten Blick scheint dieser Werdegang sehr ungewöhnlich. Aber ich muss sagen, dass meine Zeit bei der Bundeswehr nicht so war, wie es sich die Meisten vorstellen. Ich war bei einer relativ kleinen Einheit, in der es fast schon familiär zuging und ich viele interessante Aufgaben hatte, die nicht unbedingt dem klassischen Bundeswehrbild entsprechen. Hier hatte ich die Möglichkeit einen großen Schritt in meiner persönlichen Entwicklung zu machen. Als aber die ersten Soldaten, die leider aus meinem Umfeld stammten, in Afghanistan verunglückten, ließ ich mich nach Berlin versetzen und wollte mich dort beruflich umorientieren. In Berlin wurde ich durch den Berufsförderungsdienst der Bundeswehr auf die Erzieherfachschule aufmerksam. Ich hospitierte dort und entschied mich dann, mit dem Ziel später mit Jugendlichen zu arbeiten, für die Ausbildung zum staatlich anerkannten Erzieher.

Welche persönlichen und professionellen Einstellungen muss man in beiden Berufen haben und worin unterscheiden sich beide Berufe grundlegend?

Ich denke man muss in beiden Berufen gut im Team arbeiten und sich aufeinander verlassen können. Meiner Meinung nach liegt der größte Unterschied darin, dass man als Soldat einen strukturierteren Alltag hat, die Aufgaben klarer verteilt sind und Abweichungen selten stattfinden. Außerdem war es als Soldat schwierig seine eigenen Interessen mit in den Arbeitsalltag einfließen zu lassen.

Gibt es Herausforderungen und Aufgabenfelder in deiner Arbeit, die du auch persönlich bereichernd findest?

Ich finde die Arbeit mit Kindern generell sehr bereichernd. Aus welchem Blickwinkel Kinder die Welt entdecken, wie sie Fragen stellen und auch ihre Ehrlichkeit beeindrucken mich täglich aufs Neue. Ich finde es schön zu sehen wie sich die Kinder von Beginn ihrer Kitazeit bis zum Schuleintritt entwickeln. Die Kinder kontinuierlich über diese fünf Jahre in ihren Bildungsprozessen zu begleiten, ist für mich eine große persönliche Bereicherung.

Wie alt warst du während der Ausbildung und wie hast du den Unterricht als erwachsene Person erlebt? Würdest du sagen, dass die Ausbildung erwachsenengerecht war?

Ich begann die Ausbildung mit 27 Jahren. Man muss mindestens acht Jahre bei der Bundeswehr gewesen sein, um eine Ausbildung an der Bundeswehrfachschule absolvieren zu können. Aus diesem Grund war ich mit meinen 27 Jahren einer der Jüngsten dort. Die dortigen Dozenten hatten dementsprechend viel Erfahrung im Bereich der Erwachsenenbildung. Trotzdem war es für sie manchmal nicht ganz einfach 25 ehemaligen Soldaten im Klassenraum ihre Lernziele zu vermitteln. Für mich war die Ausbildung erwachsenengerecht, da uns relativ viel Freiraum gelassen wurde. Außerdem konnte ich dort viele Erfahrungen sammeln, die ich wahrscheinlich sonst nie in meinem Leben gemacht hätte. Einige davon sind beispielsweise auf einer Theaterbühne zu stehen um dort zu spielen, einen Töpferkurs zu belegen oder mich von einer 30 Meter hohen Brücke abzuseilen.

Wie kam es dazu, dass du nach der Erzieherausbildung eine Stelle in einer Kindertageseinrichtung angenommen hast?

Wie zu Beginn des Interviews schon erwähnt, wollte ich ursprünglich mit Jugendlichen arbeiten. Deshalb absolvierte ich ein Praktikum in einer betreuten Wohngemeinschaft. Mir gefiel die Arbeit gut, bei einem weiteren Praktikum in einem Kreuzberger Kindergarten wurde mir jedoch klar, dass mir das mehr liegen würde. Dies lag unter anderem daran, dass ich trotz meines militärischen Hintergrunds von meiner türkischen Anleiterin sehr offen und freundlich aufgenommen wurde. Das gesamte Umfeld war mir gegenüber vollkommen aufgeschlossen, das hat mich beeindruckt. Vor allem aber hat mir die Neugier und Unbeschwertheit der Kinder sehr gefallen. Aufgrund dieser positiven Erfahrungen entschied ich mich am Ende der Ausbildung für diesen Weg. Heute arbeite ich immer noch im selben Kindergarten und habe diesen Schritt nie bereut.

Spielt es für dich eine Rolle, dass du als Mann in einer Kita arbeitest? Wenn ja, in welchen Situationen?

Als ich anfing in der Kita zu arbeiten war ich dort der einzige Mann. Ich hatte damals das Gefühl, dass meine Kolleginnen einen besonderen Blick auf meine Arbeit warfen. Es war dann natürlich umso schöner zu hören, dass Kinder, Eltern und Kolleginnen es gut fanden, dass nun ein Mann im Haus arbeitet. Mittlerweile gibt es bei uns im Haus vier Männer, was auch eine gewisse Normalität mit sich bringt. Und auch wenn mein Umfeld manchmal etwas erstaunt auf meinen Beruf reagiert, spielt es für mich keine große Rolle, dass ich als Mann in einem Kindergarten arbeite.

Stell dir vor, du hättest drei Wünsche frei, wie du die Arbeits- und Rahmenbedingungen deiner Arbeit verbessern könntest. Welche wären das?

Ich würde mir einen besseren Personalschlüssel wünschen, um noch besser auf die individuelle Entwicklung eines jeden Kindes eingehen zu können. Außerdem wäre mehr gesellschaftliche Anerkennung und eine Aufwertung des Berufsfeldes ein Wunsch von mir. Interessant wäre auch für mich einmal gemeinsam mit einem Mann im Team zu arbeiten.

Das Interview führte Jens Krabel

 

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